Wann es sinnvoll sein kann, langfristige Geldanlagen noch mit 90 abzuschließen

15.11.2011 Anfang November 2011 berichtete Stern TV auf RTL über den Streitfall einer Kundin mit der Commerzbank. Frau Greiner hatte vor vier Jahren – im Alter von 87 Jahren – in einen geschlossenen Schiffsfonds mit einer Laufzeit von 20 Jahren investiert. Konsequenz: Die Kundin kommt erst im Alter von 107 Jahren wieder an ihr Geld!

Privatkunden-Vorstand der Commerzbank AG Martin Zielke versucht eine Woche später im selben TV-Format die Welle der Entrüstung zu glätten und stellt sich der öffentlichen Diskussion. Dabei wird deutlich, dass Frau Greiner nicht ihr „letztes Hemd“, sondern lediglich 5 % ihres gesamten liquiden Vermögens (also TEUR40 von TEUR800 EUR) in einen Schiffsfonds investiert hat. Der soll nach ihrem Tode steuerbegünstigt in eine Stiftung eingebracht werden.

An diesem Streitfall entzünden sich verschiedene Debatten, die die Finanzwelt aktuell bewegen:

•    Klägerin und Beklagte haben sich scheinbar nicht verstanden. Letztlich ist jeder unter Verkaufsdruck stehende Berater dankbar, wenn es zu einem Verkaufsabschluss kommt. Bedenken des Beraters, auch wenn sie nur klein sind, werden so ggf. unter den Teppich gekehrt. Mit der Honorarberatung würde eine solche Debatte bereits im Vorfeld vermieden, denn der Berater kann zu einem Geschäft ‚nein’ sagen, weil er allein für die Beratungsleistung ein Entgelt erhält.

•    Welche Rolle spielt die Anwältin in diesem Stück? Macht es wirklich Sinn, im Fahrwasser der Falschberatung noch eins draufzusetzen? Eine gute Recherche über die Vermögenssituation der Klientin hätte der alten Dame Anwaltskosten aber auch Nerven gespart. Frau Greiner hätte peu á peu für einen Teil ihrer Aktien Marktsituationen ausnutzen können, um ihre Pflegekraft zu bezahlen. Sie wäre – soweit es aus der Ferne beurteilbar ist – voraussichtlich nicht in Not geraten. Und sicherlich verlangt die Pflegekraft nicht den vollen Betrag von 40.000 EUR auf einen Schlag!

•    Sätze, die in der ersten TV-Ausstrahlung gefallen sind wie, daß ein „… Laie in diesem Alter ein solches Angebot überhaupt nicht zu bekommen“ hat, gehören nicht in die Debatte. Dies impliziert, dass Menschen über 80 nicht mehr mündig und ernst zu nehmen sind. Demnach dürfen sie keine riskanten Anlagen mehr tätigen, selbst wenn die Investitionen aufgrund der finanziellen Potenz durchaus zum Vermögen und der Situation des Kunden passen. Plattitüden dieser Art heizen um der gedankenlose Effekthascherei willen Emotionen hoch, die schließlich niemandem dienen. Weder der Bank, noch der Kundin.

Kirsten Petersen, CFP®

 

Schlagwörter:  Falschberatung, Honorarberatung, Schiffsfonds, Senioren, Verkaufsdruck